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Frauen und Gesellschaft:Lifestyle in Teilzeit?

Der Wirtschaftsflügel der Union will das Recht auf Teilzeitarbeit einschränken, um sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“ zu verhindern. Künftig sollen Arbeitnehmer*innen nur noch mit besonderen Begründungen ihre Arbeitszeit reduzieren dürfen. Die kfd Aachen widerspricht deutlich: Die Hürden müssen sinken - nicht steigen. Nur so gelingt eine faire Verteilung von Care-Arbeit.
Erwerbsarbeit
Datum:
27. Jan. 2026

Lifestyle in Teilzeit?

Der Wirtschaftsflügel der Union will das Recht auf Teilzeitarbeit einschränken, um sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“ zu verhindern. Künftig sollen Arbeitnehmer*innen nur noch mit besonderen Begründungen ihre Arbeitszeit reduzieren dürfen. Die kfd Aachen widerspricht deutlich: Die Hürden müssen sinken - nicht steigen. Nur so gelingt eine faire Verteilung von Care-Arbeit.

Ich habe über zwanzig Jahre in Teilzeit gearbeitet und bin Mutter eines Kindes mit Behinderung. Auch mit einem verständnisvollen Arbeitgeber und flexibler Arbeitszeitregelung bedeutete das ständigen Rechtfertigungsdruck: Ob ich denn keine Assistenten hätte? Ob sich die Behinderung nicht „bessern“ würde? Beruf, Pflege, Bürokratie und Selbstfürsorge ließen sich nur mit großer Anstrengung vereinbaren. Das hat nichts mit Lifestyle zu tun - sondern mit Verantwortung. Ich mag mir nicht vorstellen, jedes Jahr meinen Anspruch auf Teilzeit neu begründen und dabei persönliche Informationen offenlegen zu müssen. Viel Bürokratie würde für die Gruppen geschaffen, die von der vorgeschlagenen Regelung ausgenommen wären. Sie würden zu Bittstellern.

 

Allein der Begriff „Lifestyle-Teilzeit“, mit dem der Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion respektlos überschrieben ist, polarisiert und schürt Ressentiments, ist aber nicht wirklich greifbar. Strukturelle Probleme werden so ignoriert und die Verantwortung den Einzelnen zugeschoben. Das ist ein Blick auf Menschen allein durch die Brille der Verwertbarkeit. Wenn etwas nicht funktioniert, dann liegt es an den Menschen, die sich nicht zusammenreißen und nicht etwa am System.

Millionen Frauen* kümmern sich, werden zerrieben zwischen Beruf und Pflege, begleiten Kinder ins Leben und würden oft gerne mehr arbeiten, können es aber nicht.

Es fehlen über 300.000 Kitaplätze und tausende Plätze in der Kurzzeitpflege. In der Pflege arbeiten überwiegend Frauen*, mehr als die Hälfte in Teilzeit - nicht aus Bequemlichkeit, sondern wegen der hohen Belastung.

Es gäbe andere Hebel: Begrenzung von Minijobs auf Student*innen und Rentner*innen, Reform des Ehegattensplittings und zügige Anerkennung der qualifizierten Abschlüsse von Menschen mit Migrationsgeschichte.

Teilzeit ist keine Modeerscheinung, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Realität und moderner Biografien. Die Idee, Teilzeit nur noch in Ausnahmefällen zuzulassen oder soziale Leistungen wie Grundsicherung und Wohngeld an Vollzeitarbeit zu koppeln, ist unerträglich lebensfremd und sozial ungerecht.

Die kfd setzt sich seit Jahren für bessere Rahmenbedingungen und flexible Arbeitszeitmodelle ein, die besonders Frauen* den Spagat zwischen Beruf, Familie, Ehrenamt und Selbstfürsorge ermöglichen. Nicht die Menschen müssen sich rechtfertigen, sondern eine Politik, die kühl kalkulierend Lebensrealitäten ignoriert.

 

© Dr. Claudia Kolletzki, Stellvertretende Vorsitzende der kfd Aachen