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1930 - 2010

Von der Frauen- und Mädchenwelt zum verbandlichen Netzwerk

Streifzug durch die Geschichte des Diözesanverbandes Aachen

Der Brief von Msgr. Hermann Klens, dem Generalpräses der Jungfrauen- und Müttervereine, klang ein klein wenig verzweifelt. Am 20. Oktober 1931 schrieb er in einem Brief nach Aachen an den Hochwürdigsten Herrn Weihbischof Sträter: „Wie ich aus dem Amtsanzeiger der Diözese Aachen ersehe, sind wiederum für die Diözesanorganisationen eine Reihe von Diözesanpräsides ernannt worden; aber die für die Jungfrauen- und Müttervereine sind noch nicht dabei. Im Interesse der drängenden Arbeit wäre es doch sehr zu wünschen, wenn die Ernennung bald vollzogen werden könnte.“

Wenn endlich ein Diözesanpräses ernannt würde, davon war Hermann Klens überzeugt, könnte noch manches möglich sein in der Winterarbeit, insbesondere „die wichtigen Aufgaben in der Mitarbeit unserer Frauen- und Mädchenwelt in der Nothilfe dieses Winters“ könnten organisiert werden. Und schließlich, darauf wies er auch noch hin, sei bereits seit dem 1. Juli die Loslösung der Vereine der Diözese Aachen von den Diözesanverbänden der Erzdiözese Köln vollzogen, „sodaß sie so gewissermaßen in der Luft hängen.“

Warum musste der Bischof so gebeten werden? Die Geschichte des kfd-Diözesanverbandes Aachen hängt eng zusammen mit der Geschichte des Bistums Aachen, ein im Vergleich zu anderen Diözesen in Deutschland noch relativ junges Bistum. Nach der sogenannten „französischen Zeit“ von 1802 bis 1825 gehörte das Bistum Aachen bis 1930 zur Erzdiözese Köln. In seinen heutigen Grenzen wurde es erst wieder am 13. August 1930 errichtet.

Der erste Bischof nach der Wiederbegründung des Bistums, Joseph Heinrich Peter Vogt, wurde gleichwohl erst am 31. März 1931 in sein Amt eingeführt. So gab es also zwar nach dem verbandlichen Verständnis bereits 1930 mit der Wiedererrichtung des Bistums auch einen Diözesanverband Aachen der katholischen Müttervereine. Aber die offizielle kirchenamtliche Bestätigung ließ noch auf sich warten. Immerhin reagierte Weihbischof Sträter dann schnell. Am 28.10. – so steht es als Randnotiz auf Klens Brief – werden der Religionslehrer Wilhelm Cleven aus Aachen zum Präses der Jungfrauenkongregationen und Dechant Johannes Brandts aus Jülich zum Diözesanpräses der Müttervereine bestimmt.

Mit der Machtergreifung 1933 durch Hitler arrangiert man sich auch bei den Jungfrauen- und Müttervereinen, sucht zunächst Gemeinsamkeiten mit der Naziideologie und findet sie im Frauen und Familienbild. 1934 schon erkennt man diesen Fehler und versucht sich abzugrenzen. Man zieht sich auf das innerkirchliche Leben zurück, erst recht nach der Gleichschaltung und Auflösung der Verbände. In vielen Orten, so wie in der Pfarre D´horn in der Gemeinde Langerwehe-Schlich, hatte die NS-Frauenschaft deshalb kaum eine Chance, wie aus der Chronik dieser Pfarrgemeinschaft zu entnehmen ist. Die Jungfrauen- und Müttervereine treten in der Diözese Aachen in dieser Zeit mit einer großen Frauenwallfahrt in Erscheinung. So wird 1934 von 10.000 Frauen aus dem Bistum berichtet, die im Mai zum Gnadenbild Unserer Lieben Frau im Aachener Dom wallfahrten.

Nach dem Krieg kommt das verbandliche Leben langsam wieder in Gang. 1949 wird zum Fest der Mutterschaft Mariens im Oktober zur großen Marienwallfahrt der „Frauen und Mütter im Bistum Aachen eingeladen. Die so genannten Standesvorträge werden wieder aufgenommen. Passend zum Marienmonat Oktober zum Beispiel gibt es bistumsweit in den Pfarren 1951 Predigtreihen für die „Frauenjugend“. Sie sollen den „Weg zur Haltung gesunder, natürlicher Mütterlichkeit weisen.“

In den folgenden Jahren sollten zahlreiche neue Frauengemeinschaften gegründet werden. Die Pfarrer spielen dabei eine zentrale Rolle. Für die Pfarrei St. Anna in Aachen-Walheim ist der Prozess gut dokumentiert. So lädt Pastor Schroiff zunächst im Pfarrbrief zu monatlichen Standesvorträgen ein, um den Frauen und Müttern „einmal im Monat ein ganz besonderes Wort sagen zu können“. Im Februar 1961 dann kündigt er die Gründung der Frauen- und Müttergemeinschaft St. Anna an. Die erste Generalversammlung mit Wahlen findet im April statt und schon zwei Jahre später ist diese Pfarrgemeinschaft mit etwa 250 Mitgliedern der „stärkste Verein der ganzen Gemeinde“.


Ab Mitte der 60er-Jahre entwickelten sich in der Diözese gemeinsame Strukturen von Frauenseelsorge und kfd, die bis ins erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts fortwirkten. Sichtbares Zeichen dafür sind seit 1966 das Erscheinen der diözesanen Zeitschrift „Chance“, herausgegeben von der Frauenseelsorge des Bistums Aachen und das gemeinsam finanzierte Frauenkursprogramm ab den 90er-Jahren . Ihr folgt ab 1991 der „Lichtblick“, ein vierseitiges Mitteilungsblatt, das zunächst 6-mal im Jahr und später mit einer Formatänderung 4-mal im Jahr erschien. Erst ab 2005 gibt die kfd eigene Publikationen mit „In Zukunft kfd“ und später mit „Nah dran“, der Beilage zur Mitgliederzeitschrift Frau+Mutter. Die „Chance“ wurde herausgegeben und geschrieben vom im Bistum hoch angesehenen Msgr. Hans Kremer. Er war Diözesanfrauenseelsorger und Diözesanpräses der kfd vom 1962 bis 1990. Als geistlicher Begleiter war er in dieser Zeit priesterlicher Anwalt der Frauen, wie viele seiner Weggefährtinnen berichten.

Die 60er- und 70er-Jahre waren die Zeit des Aufbruchs. Das zweite Vatikanische Konzil bewirkte auch für die Frauenarbeit in der Diözese Aachen einen Aufbruch. Die Rolle der Frauen, das Frauenbild der Kirche und ihre Lebenswirklichkeit wurden zunehmend zu sehr kontrovers diskutierten Themen.

Auf Diözesanebene wurden Ende der 60er-Jahre die ersten Frauenreferentinnen eingestellt. Margarete Jonda, hauptamtliche rauenreferentin in der Region Krefeld, war zugleich auch die Diözesanvorsitzende. Eine strenge Trennung zwischen der diözesanen Frauenarbeit und der kfd-Arbeit gab es nicht. Strukturell und finanziell war der Verband eng an die Diözese angebunden.

Als 1968 die Regionen im Bistum eingeführt wurden, orientierte sich daran auch die Arbeit des Diözesanverbandes in seinen Strukturen. Bis zur Finanz- und Strukturkrise des Bistums 2004 gab es in jeder der acht Regionen des Bistums eine eigene Frauenreferentin. Sie waren auch hauptamtliche Ansprechpartnerinnen für die kfd-Verantwortlichen auf den verschiedenen Ebenen des Verbandes.

Für die Arbeit hatte das viele Vorteile, wie sich die ehemaligen Regionalreferentinnen Marianne Henkel, Mönchengladbach, und Petra von der Au, Düren, erinnern. Mit der zunehmenden Orientierung der Frauenarbeit hin zu frauenpolitischen und feministischen Fragestellungen, die in traditionell orientierten kirchlichen Kreisen nicht immer gern gesehen wurden, hätten sich die Frauen gegenseitig stärken und Rückendeckung geben können.

In den 50er- und 60er- Jahren kreiste die Bildungsarbeit der kfd noch hauptsächlich um religiöse Bildung und die „Ertüchtigung“ von Frauen für ihre Aufgaben in Haushalt und Familie. Ende der 60er-Jahre wandelte sich das zusehends. Auch wenn die kfd sich nicht im Verein mit der neu erwachenden Frauenbewegung oder gar der außerparlamentarischen Opposition der 68er sah, so taten diese Entwicklungen doch ihre Wirkung. Das berichtet die ehemalige Diözesanvorsitzende Margret Beier (ab 1977): „Man wurde ermutigt und befreite sich von der patriarchalischen Bevormundungshaltung.

Der Mut zum Protest wurde gestärkt“. War es in den 60er-Jahren noch durchaus üblich, dass der Pfarrer die kfd-Vorsitzende bestimmte (und dann wählen ließ), so sollte sich auch das in den nachfolgenden Jahren grundlegend ändern. Die Vorstände der Pfarrgruppen wurden systematisch in verbands-, frauen- und kirchenpolitischen Fragen geschult.

Bereits 1966 gab es einen Studientag zum Diakonat der Frau, später wurde der kfd-Diözesanverband Mitglied im „Netzwerk Diakonat der Frau“. Ab 1970 gab es Studientage zur feministischen Theologie. Der Diözesantag 1981 in Krefeld stand unter dem Thema „Gott hat nicht nur starke Söhne“. kfd-Frauen in der Diözese Aachen forderten zunehmend und im Verein mit dem kfd-Zentralverband (und später dem kfd-Bundesverband) mehr Gleichberechtigung im kirchlichen Amt. So gehörte die kfd in der Diözese Aachen zu den Mitbegründerinnen des „Netzwerkes Diakonat der Frau“ und verursachte einiges Aufsehen, als sie 1989 zum Diözesantag in Grefrath den Theologen und später aus dem Priesteramt entlassenen Professor Eugen Drewermann einlud. Die Wellen schlugen danach hoch und reichten bis hin zur Aufforderung, Bischof Hemmerle möge die Diözesanvorsitzende Barbara Schmitz (1984 bis 1992 und 1996 – 2000) aus ihrem Amt entfernen. Doch konnte und wollte der Bischof eine gewählte Diözesanvorsitzende der kfd nicht entlassen.

Auch wenn die Bischöfe Hemmerle und Mussinghoff die Arbeit der kfd stets unterstützten, so gab es doch über viele Jahre immer wieder die Diskussion um die so genannte Entflechtung. Die kfd sollte strukturell unabhängig werden, Personal- und Budgetverantwortung sollte – wie auch bei den anderen katholischen Verbänden im Bistum – das ehrenamtlich arbeitende Diözesanleitungsteam übernehmen. Dies stieß lange bei den kfd-Verantwortlichen auf Widerstand, sahen sie doch in der engen Verknüpfung von verbandlicher mit diözesaner Frauenarbeit viele Vorteile. Denn dadurch war es möglich mit einer Stimme zu sprechen und man hatte mehr Einflussmöglichkeiten, so die Meinung.

Einer der Höhepunkte dieses Zusammenwirkens von verbandlicher und diözesaner Frauenarbeit war der große kfd-Diözesantag 1998 mit mehr als 1000 Teilnehmerinnen im Eurogress von Aachen, der unter dem Motto stand „Frauen Macht - Bewegt die Welt.“ Ein Motto, das sich wie vorherige und spätere Themen anlehnte an die Schwerpunktthemen der kfd auf Bundesebene. Es hieß damals „Bevollmächtigt, Zukunft zu gestalten“.

Die feministisch geprägte Arbeit des Diözesanverbandes wandelte sich mit dem Beginn des neuen Jahrtausends. Frauenthemen standen weiter im Mittelpunkt, wurden aber inhaltlich anders bearbeitet und erhielten andere Akzente. Projektarbeit und die innerverbandliche Weiterbildung, das Netzwerken und die Ausbildung von Geistlichen Begleiterinnen rückten in den Mittelpunkt . „Let´s talk about kfd“, „Frauen zwischen Konkurrenz und Solidarität“, „Mehr Erfolg im Team“ – so hießen Angebote für Frauen zum Beispiel 2002. Große Kunstaktionen und das Lydiafest 2003 zeigten andere Wege in der Frauenarbeit auf.

Unter der Leitung der Diözesanvorsitzenden Sonja Billmann gewann mit der Finanzkrise des Bistums und der Auflösung der Regionalstellen und mit der damit verbundenen Abschaffung der Frauenreferentinnen der Entflechtungsprozess an Fahrt. Er endete 2005 mit der Gründung eines eingetragenen Vereins und dem Aufbau einer eigenen kfd-Geschäftsstelle am Klosterplatz, vis à vis vom Bischöflichen Generalvikariat. Sie wurde am 26. Januar 2005 eingeweiht. Die kfd war selbstständig. Damit waren äußerlich die Fakten geschaffen, aber die Umstrukturierung kostete noch viel Zeit und Arbeit, zumal den ehrenamtlichen Regionalleiterinnen die vertrauten regionalen hauptamtlichen Ansprechpartnerinnen der diözesanen Frauenarbeit fehlten.

2010 haben sich die neuen Strukturen gefestigt, das Vorstands-team kann sich wieder mehr inhaltlichen Fragen widmen, zum Beispiel dem Klimaschutz, der gerechten Entlohnung von Frauen (Equal Pay Day) oder dem Rechtsextremismus von Frauen. 2010 hat die kfd im Bistum Aachen rund 28.000 Mitglieder in rund 260 örtlichen Frauengemeinschaften. Am 4. September 2010 feiert die kfd unter dem Motto „Was für ein Schatz“ acht Jahrzehnte Verbandsarbeit.

Sabine Schleiden-Hecking.

Für die Faktenrecherche sorgte Marie-Theres Hansen-Weitz, Mitarbeiterin der Frauenseelsorge und kfd im Bistum Aachen von 1967 bis 2008.

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